Landwirtschaft mit Zukunft
tibits Geschichten
Landwirtschaft mit Zukunft
8.11.2019

LANDWIRTSCHAFT MIT ZUKUNFT

Wohin man sieht, werden zurzeit Abnehmer für überproduzierte oder nicht der Norm entsprechende Früchte und Gemüse gesucht. Food-Waste beginnt bereits vor der Ernte. Doch liegt die Schuld wirklich bei gewinnorientierten Bauern? Oder eben doch beim verwöhnten Endkonsumenten? Gibt es gar einen Fehler im System? Warum uns Schuldzuweisungen gerade bei diesem Thema nicht weiterbringen, erklärt uns Dominik Waser, Gründer und Initiant des Vereins grassrooted, mit dem wir seit einigen Monaten zusammenarbeiten.

WORUM GEHT ES BEI EURER INITIATIVE "LANDWIRTSCHAFT MIT ZUKUNFT"?

Die Initiative «Landwirtschaft mit Zukunft» soll ähnlich wie die Debatte zum Klimawandel das Verständnis in der Gesellschaft fördern, Aufklärungsarbeit betreiben und längerfristig eine Plattform für verschiedene Vereine, Unternehmen, Organisationen und Stiftungen bieten, die trotz unterschiedlicher persönlicher Interessen das gemeinsame Ziel einer wieder zukunftsfähigen Landwirtschaft erreichen wollen. Es soll ein Netzwerk aufgebaut werden, das durch seine Vielfältigkeit und Grösse auch politisch Einfluss nehmen kann, während die einzelnen Stimmen schnell untergehen. Bereits heute existieren Alternativen, die funktionieren. Doch am Anfang steht ganz klar die Aufklärung, das Informieren der Gesellschaft über die verheerenden Zusammenhänge, die in der aktuellen Landwirtschaft herrschen und der Umwelt und zu guter Letzt auch uns selbst schaden.

Broccoli

VERSCHIEDENE PARTEIEN SIND HIER INVOLVIERT - WIE BRINGT MAN DEREN UNTERSCHIEDLICHE WÜNSCHE UND BEDÜRFNISSE ZUSAMMEN?

Die individuellen Forderungen und Wünsche sollen und müssen bestehen bleiben. Denn gerade diese Vielfalt an unterschiedlichen Ansichten und Inputs zeigt nicht zuletzt auch, wie komplex und kontrovers die Problematik in der heutigen Landwirtschaft, der Produktion und unseres Konsums ist. Toleranz, Austausch und Verständnis braucht es aber genauso, damit zusammen auf eine bessere Zukunft für alle hingearbeitet werden kann.

Dominik
Dominik Waser, Initiant von grassrooted engagiert sich nebenbei auch stark in der Klimastreikbewegung. Seine Hauptinteressen gelten dem Miteinander von Umwelt, Mensch und Tier, und er glaubt fest daran, dass eine andere Zukunft für unsere Gesellschaft und die Landwirtschaft möglich ist, wenn wir nur endlich alle an einem Strang ziehen.

AUCH GRASSROOTED STAND SCHON IN DER KRITIK. WELCHE PUNKTE KANNST DU NACHVOLLZIEHEN, WELCHE REGEN DICH AUF?

Kritik ist uns sehr wichtig und hilft dabei, sich und sein Tun immer wieder aktiv zu hinterfragen, sich weiterzuentwickeln und nicht zu stagnieren. Dennoch sind gewisse Kritikpunkte  manchmal auch einfach zu wenig differenziert oder zu wenig weit gedacht. Beispielsweise wurde uns als Verein schon vorgeworfen, dass wir die bewusste Überproduktion der Bauern eher noch fördern, da sie diese ja mit unserer Hilfe verkaufen können. In meinen Augen handelt es sich aber nicht um eine gewollte Überproduktion, sondern eine sehr fehlerhafte Umsetzung und Verwertung. Einerseits müssen die Landwirte damit rechnen, dass ihnen ein grosser Teil ihrer Produktion aufgrund abweichender Grössen, Farben oder Formen gar nicht erst abgenommen wird, andererseits müssen sie jederzeit genug Produkte anbieten können, um im Wettbewerb mithalten zu können. Kleinere Betriebe haben diese Probleme deutlich weniger, da sie regional auf Märkten oder Hofläden anbieten und zu gerechteren Preisen verkaufen können. Landwirtschaftsbetriebe, die mit Grosshändlern zusammenarbeiten, leiden hingegen enorm unter den viel zu tiefen Preisen. So ist die Schweiz zurzeit zu ca. 60% selbstversorgend, dies könnte jedoch problemlos aus- oder umgebaut werden, wenn auch Produkte, die weniger der Norm entsprechen, eine Chance im normalen Verkauf hätten.

grassrooted Gemuesestand

MOMENTAN SCHEINT ES, ALS FIELE ES LEICHTER, DIE SCHULD ANDEREN PARTEIEN ZUZUSCHIEBEN. WOHER NEHMT IHR DIE MOTIVATION, TROTZ DER TEILWEISE NEGATIVEN KOMMENTARE WEITERZUMACHEN?

Dies ist tatsächlich eines der grössten Probleme unserer derzeitigen Gesellschaft. Jeder gibt jedem die Schuld, und wenn der andere nicht zu 100% perfekt ist in dem, was er tut, muss man selbst seine eigene Lebensweise ja auch nicht hinterfragen. Das ist eine sehr traurige Entwicklung, und am Ende hilft sie niemandem. Fakt ist, dass auch wir noch weit davon entfernt sind, perfekt zu sein, und es wohl auch nie sein werden; und gewisse Kritikpunkte kann ich auch gut nachvollziehen, jedoch sollte dies niemals der Grund sein, das eigene Verhalten zu entschuldigen oder schönzureden. Vielmehr müssen wir uns gegenseitig unterstützen, Erfahrungen austauschen, dazulernen und Schritt für Schritt gemeinsam immer besser werden.

Gemueseabo
Als Gemüseretter*in erhaltet ihr alle 14 Tage eine Box mit gerettetem Gemüse von grassrooted per Post nach Hause geliefert. Das Gemüse entspricht optisch nicht der Norm (zu klein, zu krumm, zu unförmig oder überschüssig), ist aber qualitativ hochwertig.

WO SIEHST DU NÖTIGE VERÄNDERUNGEN UND VERBESSERUNGSMÖGLICHKEITEN IM GASTRO-BEREICH? UND EXPLIZIT BEI UNS IM TIBITS?

In der Gastronomie spielt die Grösse eine ähnlich wichtige Rolle wie beim Handel. Dies hat verschiedene Ursachen, einer der Hauptgründe ist sicher, dass es einem grösseren Restaurant oder einem grösseren Geschäft schwerer fällt, geringere Produktmengen bei Kleinbauern einzukaufen, da diese nicht durchgängig dieselbe Qualität liefern oder gar nicht die benötigte Menge anbieten können. Dennoch können und sollen gerade grössere Betriebe mit ihrer Vorbildsfunktion und dem erweiterten Bekanntheitsgrad möglichst klimaschonend agieren, indem sie darauf achten, Produkte zu fairen Preisen zu beziehen, möglichst viel selbst im Betrieb verarbeiten, unnötige Zwischenhändler meiden sowie auf Saisonalität und Regionalität achten. Diese Massnahmen würden dazu beitragen, sowohl Food-Waste als auch die Überproduktion in der Landwirtschaft zu verringern. Hier kann natürlich auch das tibits noch weiter ansetzen, auch wenn ihr bereits einiges verändert habt und durch euren Einfluss andere Gastro-Unternehmen zum Umdenken motiviert. Aber es ist und soll ja auch eine ständige Weiterentwicklung sein, und es gibt noch viel zu tun.

Karotte

WELCHE ROLLE SPIELT IN EUREM UMFELD UNSER ZU HOHER FLEISCHKONSUM IN DER WESTLICHEN WELT? IST DIESE PROBLEMATIK EBENFALLS BESTANDTEIL EURER INITIATIVE?

Wir essen in der heutigen Zeit massiv zu viel Fleisch, was sich natürlich auch auf unsere Umwelt auswirkt. Die Produktion von tierischen Produkten ist nicht nur CO2-intensiver, sondern braucht auch unnötig viele Ressourcen und schadet so dem gesamten Planeten. Auch in der Schweiz müssen wir den Konsum von tierischen Produkten deutlich senken. Natürlich ist dies auch eine Frage der Region: In der Alpwirtschaft macht eine Milch- oder Fleischproduktion sicher eher Sinn für die Landwirte, da aufgrund der Höhe und Bodenbeschaffenheit nicht viel angebaut werden könnte. Andererseits sind gerade jene Höfe, welche die Massentierhaltung unterstützen, im Flachland angesiedelt, wo wir den Boden anderweitig viel effizienter nutzen könnten.

grassrooted

GRASSROOTED

Hinter dem Verein grassrooted Zürich steckt ein junges Team von Gleichgesinnten, die sich aktiv und lösungsorientiert dafür einsetzen, dass unser Planet wieder enkelgerechter wird. Ihr Ziel ist es, dass vermehrt kleine, lokale Kreisläufe und Strukturen genutzt werden, Permakultur in der Schweizer Landwirtschaft kein Fremdwort bleibt und wir wieder lernen, der Natur, die uns ernährt, die nötige Wertschätzung entgegenzubringen. Weder unsere Böden noch die Menschen, die in unserer gegenwärtigen Lebensmittelproduktion arbeiten, machen unseren von uns so gewollten Überfluss noch lange mit. Versalzung, Wüstenbildung, ausgelaugte Böden, Landwirte in Existenznöten und eine Ausbeutung der Erntehelfer sind das Resultat, vor dem wir gerne die Augen verschliessen. Zeitgleich werden in der Schweiz rund 1/3 der Lebensmittel achtlos weggeschmissen. Durch gezielte Aktionen möchte der Verein auf diese Thematik aufmerksam machen, hilft Landwirten dabei, ihre Überproduktionen oder von den Grossverteilern nicht abgenommenen Waren verkaufen zu können, und er möchte der Gesellschaft den Wert von Nahrung und Agrarwirtschaft in der Schweiz wieder näherbringen.

Mehr Infos findet ihr unter grassrooted.ch

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Den ganzen Artikel findet ihr im Salatblatt N°16:

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